Zukunft Land


Erholungsangebote und eine intakte Umwelt, ein gutes Leben und eine funktionierende Infrastruktur, Arbeitsplätze und Wertschöpfung vor Ort: Darum geht es in Forschungsprojekten, die Lösungen für die Entwicklung des ländlichen Raums suchen und anbieten. Es sind Dinge, die die Mehrheit der Bevölkerung direkt betreffen. Nicht nur, weil ein Großteil der Deutschen auf dem Land lebt, sondern auch, weil die Grundlage unserer Ernährung hier gelegt wird. Den ländlichen Raum wirtschaftlich zu stärken, lebenswert und zukunftsfähig zu gestalten, ist das Ziel.

Luftbildaufnahme von Feriendorf

Kein Dorf wie das andere


„Auf dem Land“, was bedeutet das? Wodurch ist der Alltag jenseits der Städte geprägt? Ein europaweit einmaliges Forschungsprojekt liefert Antworten – und wichtige Einblicke, damit die ländlichen Regionen auch in Zukunft gestärkt werden können.

Anfang der 1950er: 80 Prozent der Landwirte sind Kleinbauern.

1952 wollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum ersten Mal mehr über die Lebensverhältnisse in den Dörfern der jungen Bundesrepublik herausfinden. Die Bevölkerung war gewachsen, „Landflucht“ und „Überbevölkerung auf dem Lande“ waren gleichermaßen Herausforderungen. Dazu gehörte auch die Frage, ob und wie eine kleinbäuerlich geprägte Agrarwirtschaft die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen könnte.

„Erst die Langzeitbetrachtung ermöglicht es, aktuelle Entwicklungen einzuordnen, Kontinuitäten und Strukturbrüche zu erkennen und genauer zu verstehen.“

Prof. Dr. Folkhard Isermeyer,
Präsident des Thünen-Instituts,
das die Studie koordiniert

65 Jahre später ist daraus eine Langzeitbeobachtung geworden. In Folgestudien 1972, 1993 und 2012 standen seither zunächst dieselben zehn, dann 14 Dörfer im Mittelpunkt. Darunter sind das Winzerörtchen Bischoffingen im Kaiserstuhl, das ehemalige Arbeiter-Bauern-Dorf Elliehausen, heute Teil der Universitätsstadt Göttingen, und das sorbische Ralbitz-Rosenthal, die „jüngste Gemeinde Sachsens“, die bis heute mit Abwanderung kämpft.

Eines der auffälligsten Ergebnisse über die Jahre: Die „Rückstandsdörfer“ aus den 1950er Jahren haben dieses Stadium längst überwunden. Aber Dorf ist nicht gleich Dorf. Deshalb helfen Pauschalurteile nicht weiter, um zu verstehen, was vor Ort passiert. Den Unterschied machen nicht nur die „harten Faktoren“, sondern insbesondere die individuellen Entwicklungsanstrengungen vor Ort.

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Traktoranhänger mit Aufschrift auf einem Feld

Für die Langzeitstudie wurden zuletzt 2013 Bürgerinnen und Bürger der ausgewählten Dörfer befragt:

  • 90 Prozent sind mit ihrer Wohnsituation zufrieden
  • 95 Prozent interessieren sich für das Geschehen vor Ort
  • 19 Prozent finden die Nahversorgung unzureichend
  • 33 Prozent sagen: Hier stört mich nichts

Typisch ist ein Auf und Ab

80 Prozent der Pendlerinnen und Pendler erreichen ihren Arbeitsplatz in 30 Minuten oder weniger.

Selbst bei den Einwohnerzahlen sind klare Trends Fehlanzeige. Alle westdeutschen Dörfer erlebten seit 1952 Phasen, in denen die Bevölkerung schrumpfte, aber auch Zeiten, in denen sie wuchs. In Ostdeutschland hat das vorpommersche Glasow zwischen 1990 und 2013 rund 44 Prozent seiner Einwohner verloren. Doch aufgrund niedriger Immobilienpreise, der neuen Autobahnanbindung und der Nähe zur polnischen Metropole Stettin belebt sich der Ort wieder.

Die kleinbäuerlichen Strukturen hingegen sind passé. Im emsländischen Bockholte zum Beispiel folgte der agrarstrukturelle Wandel einem gängigen Muster: zunächst der Übergang zum Nebenerwerb, später die Aufgabe der landwirtschaftlichen Betriebe und die parallele Entwicklung einer effizienten Agrarwirtschaft. Heute sind größere landwirtschaftliche Betriebe, insbesondere mit Tierhaltung, häufig aus den Orten ausgesiedelt. Arbeitsplätze in Produktion und Dienstleistung bilden das wirtschaftliche Rückgrat der Dörfer. Und die meisten berufstätigen Einwohnerinnen und Einwohner pendeln – denn auch die Automobilisierung hat die dörflichen Lebensverhältnisse seit Beginn der Studie in den 1950er Jahren verändert.

Mischwald

Auf Wald und Boden


Wer wissen will, wie es dem Wald in Deutschland geht, muss der Sache auf den Grund gehen. Und zwar buchstäblich, denn der Waldboden spielt eine Schlüsselrolle für das gesamte Ökosystem. Ist er zum Beispiel zu sauer, schadet das nicht nur den Bäumen, auch die Artenvielfalt leidet. Langfristig erhobene Vergleichsdaten eröffnen hier tiefe Einblicke – sie zeigen, wie sich der Wald verändert.

Langzeitperspektive: Die Erhebung untersucht, wie sich die Bodenqualität zwischen 1987/1993 und 2006/2008 verändert hat.

In welcher Erde wurzeln unsere Bäume? Welche Nähr- und Schadstoffe verbergen sich darin? Und wie viel Kohlenstoff speichern die Wälder? Um diese Fragen zu beantworten, wurden bei der Bodenzustandserhebung Wald im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft rund 1.900 Bodenprofile untersucht.

An den 1.900 Inventurpunkten wurden Bodenproben aus der oberen Humusschicht und fünf Tiefenstufen analysiert.

Der Bodenzustand hat sich in den letzten 25 Jahren verbessert. Die Säurebelastung ist gesunken, der Nährstoffgehalt gestiegen. Jedoch sind die Stickstoffeinträge immer noch zu hoch. Verursacht werden sie durch Abgase aus der Industrie und dem Verkehr, aber auch durch Düngemittel in der Landwirtschaft. Der Boden ist dadurch überversorgt und versauert. Bei rund der Hälfte der Fläche liegt die Stickstoffkonzentration oberhalb der kritischen Belastungsgrenze.

„Der Boden hat ein langes Gedächtnis.“

Dr. Nicole Wellbrock,
Thünen-Institut für Waldökosysteme und Projektleiterin der Bodenzustandserhebung

Wie der Langzeitvergleich zeigt, lag dieser Wert 1990 mit 77 Prozent jedoch noch deutlich höher. Sie wirken also, die Maßnahmen, die seit den 1980er Jahren ergriffen wurden. Dazu zählen die Katalysatorpflicht für Pkw, das Ausbringen von Kalk zur Bodenneutralisation und die zunehmende Kultivierung von Mischwäldern.

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Zurücklehnen können wir uns allerdings noch nicht: Baumwurzeln in stark sauren Böden nehmen weniger Nährstoffe auf, auch die Bodenaktivität geht zurück, die wichtig für die Fruchtbarkeit ist. Hohe Stickstoff-Einträge führen dazu, dass seltene Arten verschwinden; die biologische Vielfalt geht zurück.

Querschnitte verschiedener Böden

Alle zehn Jahre Inventur

Zurzeit sind die Bedingungen für die biologische Vielfalt der Wälder günstig: Der Holzvorrat ist angestiegen, es gibt mehr Laubbäume, mehr alte und dicke Bäume und mehr Totholz. Die Waldfläche ist inzwischen stabil, Waldumwandlung und Neuaufforstung halten sich die Waage. Dieses Gesamtbild des deutschen Waldes zeichnen die jährliche Waldzustandserhebung und die große Bundeswaldinventur, die alle zehn Jahre umgesetzt wird. Kein anderes Land in Europa untersucht seine Wälder und Böden genauer.

Auch 2017 nehmen Expertinnen und Experten des Thünen-Instituts den Lebensraum Wald unter die Lupe: Diesmal steht sein Beitrag zum Klimaschutz im Fokus. Bei der Kohlenstoffinventur wird für die Treibhausgas-Berichterstattung des Bundes ermittelt, wie viel Kohlenstoff die lebende Biomasse und das Totholz in unseren Wäldern binden. Wie viel Kohlenstoff im Boden gespeichert wird, wurde bereits in der Bodenzustandserhebung Wald erfasst.

Mitarbeiter des Thünen-Instituts bei Probenahmen im Wald

Ressource Wald

  • 76 Millionen Kubikmeter Holz werden jährlich in Deutschland geschlagen
  • Aber: 122 Millionen Kubikmeter Holz wachsen nach, ein deutliches Plus
  • Klimaschutz: 158 Millionen Tonnen CO2 nimmt der Wald in Deutschland jährlich auf – ungefähr so viel, wie die Fahrzeuge im Land jährlich ausstoßen
Düngung eines Gerstenfeldes

Gut dosieren


Stickstoff: essenziell für die Pflanzenernährung, unerwünscht als Nitrat in Grund- und Oberflächengewässern. Aktuelle Forschungsarbeiten zeigen, welche Bedeutung die Landwirtschaft für die Nitratbelastung von Gewässern hat und wie diese verringert werden kann.

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Das Trinkwasser in Deutschland bekommt Bestnoten. Dennoch liegt die Nitratbelastung des Grundwassers bei jeder vierten Messstelle über dem Schwellenwert. Welche Regionen in Deutschland sind wie stark davon betroffen? Und was kann die Landwirtschaft tun, um die Belastung zu senken? Diesen Fragen geht das Thünen-Institut für Ländliche Räume unter anderem gemeinsam mit dem Forschungszentrum Jülich und dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei nach.

Aus agrarstatistischen Daten, kombiniert mit Informationen aus dem Düngemittelhandel, topografischen Analysen, Klimadaten sowie dem Expertenwissen aus der Fachberatung, haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Modell entwickelt, das die Stickstoffzufuhr und -abfuhr der Landwirtschaft realitätsnah und differenziert abbildet. Zunächst wurde das Modell im Einzugsgebiet der Weser angewendet, später in ganz Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Thüringen sowie aktuell in Nordrhein-Westfalen. So können sie Stickstoffüberschüsse berechnen, auf deren Basis die hydrogeologischen Modelle der Projektpartner Nitratkonzentrationen im Grundwasser ermitteln. „Mit dem Verbund unserer Modelle untersuchen wir, in welchen Regionen Handlungsbedarf besteht, welche Handlungsoptionen bestehen und welche Auswirkungen konkrete Maßnahmen auf Landwirtschaft und Gewässerqualität haben“, so Peter Kreins, Wissenschaftler am Thünen-Institut für Ländliche Räume.

Landschaft mit Fluss

Grundwasser schützen

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Pflanzen brauchen Stickstoff, um wachsen zu können. Grundsätzlich sind Düngemittel – sei es als Mineraldünger, Gülle oder Gärreste aus Biogasanlagen – und der darin enthaltene Stickstoff gut für die Bodenfruchtbarkeit. Doch es kommt auf die Dosis an: Düngen Landwirte mehr, als die Pflanzen brauchen und der Boden auf natürliche Weise abbauen oder speichern kann, sickert Stickstoff als Nitrat ins Grundwasser. Verschärft wurde die Situation in den letzten zehn Jahren durch den Bau vieler Biogasanlagen, in denen insbesondere Mais vergärt wird. Die Gärreste dienen ebenfalls als Dünger auf Feldern und Wiesen. „Der Eintrag von Nitrat in Gewässer kann deutlich reduziert werden, wenn die Landwirte grundwasserschonende Ausbringungsverfahren einsetzen oder nach der Ernte keine Gülle und Gärreste ausbringen. Auch die Reduzierung der Mineraldüngung und der Anbau von Zwischenfrüchten nach der Ernte der Hauptfrucht können helfen“, so Claudia Heidecke vom Thünen-Institut.

Langfristig führt kein Weg daran vorbei, dass in einigen Problemregionen weniger Gülle ausgebracht wird. Dazu müssen die Viehbestände reduziert werden oder es muss mehr Gülle aus den Überschussregionen hinaus gebracht werden. Schon heute transportieren Lkw einen kleinen Teil der Gülle in vieharme Regionen. Wichtig ist dabei, dass sich das Grundwasser in diesen Regionen nicht verschlechtert. Eine weitere Möglichkeit ist es, dass der ausgebrachte Dünger besser von den Pflanzen ausgenutzt, also die Effizienz der Düngung verbessert wird. Auch hier sucht die Forschung nach Lösungen.

Gülleausbringung mit dem Schleppschlauch
Blumenwiese mit Nahaufnahme von Blüten

Wo Vielfalt gedeiht


Ihr Schwinden ist laut Europäischer Union eine der kritischsten globalen Umweltbedrohungen. In Nordostdeutschland kann man Biodiversität hingegen durch den Kauf bestimmter Lebensmittel im Supermarkt fördern: Das gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern entwickelte Label „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ kennzeichnet Produkte von Ökolandwirten, die sich beim Naturschutz besonders engagieren.

Heimische Vielfalt in Zahlen

  • 48.000 Tierarten
  • 33.305 Insektenarten
  • 25.000 Pflanzen- und Pilzarten
  • 25 Marktfruchtarten
  • 70 Gemüse- und 30 Obstarten
  • 70 Heil- und Gewürzpflanzenarten
  • Über 60 Prozent der Ackerfläche werden von fünf Kulturarten bestimmt
  • 11 Nutztierarten bilden die Grundlage der Tierhaltung in Deutschland

In der Pilotphase bietet Edeka Nord die „Landwirtschaft für Artenvielfalt“-Produkte an. Höfe aus Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Brandenburg machen mit. Das Projekt wurde 2016 im Rahmen der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet.

Kennen Sie das Braunkehlchen? Der Singvogel ist typisch für großflächig bewirtschaftete Weiden und Wiesen, doch in den vergangenen Jahren aufgrund der Intensivierung der Landnutzung immer seltener geworden. Sein Lebensraum schrumpft, ebenso sein Nahrungsangebot. Und weil Grünland bei intensiver Bewirtschaftung schon früh im Jahr gemäht wird, hat der Bodenbrüter kaum eine Chance, seine Jungen aufzuziehen. Das Braunkehlchen ist damit nicht allein. Der Bestand zahlreicher Feld- und Wiesenvögel, Ackerwildkräuter und Insekten in Agrarlandschaften geht zurück oder ist heute schon gefährdet.

Volle Punktzahl für die Artenvielfalt

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Hier setzt das Label „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ an: Es zeichnet Ökobetriebe aus, wenn sie sich im besonderen Maße für den Naturschutz engagieren und Lebensräume gefährdeter Arten erhalten. Über ein Punktesystem werden ungemähte Kleegrasstreifen an Schlagrändern, Gewässerrandstreifen im Grünland und Acker oder längere Ruhezeiten zwischen zwei Nutzungen im Grünland zur Brutzeit honoriert. Die Kriterien wurden gemeinsam mit einem 40-köpfigen Expertengremium entwickelt. An dem Projekt sind neben dem Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) der WWF (World Wide Fund for Nature), der ökologische Anbauverband Biopark und Edeka beteiligt.

Braunkehlchen auf einer Rapsschote

In welchen Gemeinden gibt es ausreichend Rückzugsflächen am Ackerrand – und in welchen nicht? Das JKI pflegt ein „Verzeichnis der regionalisierten Kleinstrukturanteile“.

Vögel wie das Braunkehlchen brauchen geschützte Flächen in Wiesen und Weiden oder extensiv genutzte Teilflächen am Ackerrand, wo sie ungestört brüten können. Kleinteilige Strukturen oder „Saumbiotope“, zu denen Hecken, Streuobstwiesen, Kleingehölze, ungenutztes Grünland und Uferstreifen zählen, spielen für die Artenvielfalt eine wichtige Rolle.

Bedrohen Schädlinge eine Anbaufläche, werden Pflanzenschutzmittel eingesetzt, die auch Nutzinsekten schaden können. In den Saumbiotopen können sich die Populationen erholen und anschließend zurück auf die Agrarfläche wandern – sie werden deshalb besonders geschützt.

Biodiversität unter Beobachtung

Ob es zu saure Waldböden sind, nitratbelastete Gewässer oder fehlende Schutzräume rund um die Äcker: Die biologische Vielfalt ist vielerorts gefährdet. Wie sie sich entwickelt und welchen Nutzen Schutzmaßnahmen haben, kann zurzeit nicht ausreichend beantwortet werden, weil umfassende Daten fehlen. Daher planen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Julius Kühn-Instituts (JKI) und des Thünen-Instituts ein systematisches und langfristiges Monitoring von Agrarräumen.

Das Logo kennzeichnet Produkte, bei deren Erzeugung auf den Schutz der Artenvielfalt geachtet wird.
Biene fliegt Blüte an

Kleine Insekten, große Wirkung


Auf rund zwei Milliarden Euro pro Jahr wird allein der Wert der Bestäubungsleistung der Bienen in Deutschland beziffert. Ohne Bienen würde sogar ein Schaden in fünffacher Höhe entstehen, berichtet Dr. Jens Pistorius vom Institut für Bienenschutz des Julius Kühn-Instituts. Seit 2016 wird dort untersucht, was den Bienen schadet und wie die Insekten geschützt werden können.

 

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